Frauengesundheit Übersicht
1.
Frauengesundheit:
Ausgangsbedingungen Ob ein Mensch als Frau oder Mann geboren wird macht den bedeutsamsten Unterschied, bezogen auf seine Gesundheits- bzw. Krankheitsentwicklung, aus. Bis zur Pubertät haben Jungen zum Beispiel eine höhere Sterblichkeitsrate, sind häufiger krank und werden häufiger dem Arzt vorgestellt und bekommen mehr Medikamente als Mädchen. In der Pubertät dreht sich das Geschlechterverhältnis um und weist in Richtung einer ungünstigeren gesundheitlichen Lage der Mädchen und erwachsenen Frauen. So leben zwar Frauen in Deutschland im Durchschnitt sieben Jahre länger als Männer, sind jedoch ab der Pubertät in allen Altersklassen deutlich unzufriedener mit ihrem Gesundheitszustand als Männer.
Die größere Unzufriedenheit mit
dem eigenen Gesundheitszustand lässt sich bei den Frauen zurückführen auf ein
höheres Maß an psychosomatischen Beschwerden. Frauen definieren sich als
gesund, wenn sie sich wohl fühlen, während der männlich definierte
Gesundheitsbegriff den Schwerpunkt eher bei störungsfreien Körperfunktionen
hat. Diese geschlechtsspezifische unterschiedliche Definition von Gesundheit und
Krankheit findet ihre Entsprechung bei den Behandlungsangeboten durch Ärzte im
Krankheitsfall: So geben einige Studien Hinweise darauf, dass bei Männern und
Frauen mit gleichen Symptomen die Männer intensiver und aufwendiger
diagnostiziert werden und die Beschwerden eher im organischen Bereich gesucht
werden, während Frauen weniger gründlich untersucht werden und doppelt so häufig
wie Männer die Praxis mit einem Rezept für Psychopharmaka verlassen.
Es gibt geschlechtsspezifische
Unterschiede in der Ursache, Gestaltung, Ausprägung, Symptomatik und Empfindung
von Krankheiten. Obwohl die Frauengesundheitsforschung diese Unterschiede seit
vielen Jahren aufzeigt, gehen Forschung und Behandlung im Gesundheitswesen immer
noch im Wesentlichen von einem geschlechtsneutralen Konzept aus und orientieren
sich einseitig an der Körperlichkeit und der psychosozialen Befindlichkeit des
Mannes. Frauengesundheit benötigt die Abkehr von der statischen traditionellen Gesundheitsdefinition hin zu einer Gesundheitsdefinition, die die Dynamik und zyklische Veränderung der Befindlichkeit von Frauen mit einschließt. Frauengesundheit muss in allen Bezügen die psychosozialen und sozioökonomischen Faktoren, unter denen Frauen leben, mit einbeziehen. Diese werden unter anderem bestimmt von der kulturellen Wertung des weiblichen Körpers und seiner Funktionen, von der individuellen Erziehung der Frauen und deren Vorbilder. Sie beruhen auf Machtunterschieden bis hin zu Gewalttätigkeiten, sind stressabhängig und abhängig von der ökonomischen Situation.
Aber auch belastende Einflüsse
von Frauenarbeitsplätzen können Ursache für eine erhöhte gesundheitliche
Beeinträchtigung sein, wie auch die zusätzliche häusliche Beanspruchung, die
oft zu 60 bis 80 Wochenstunden Regelarbeitszeit bei Frauen führt. Hinzu kommen
bei vielen Frauen Gewalterlebnisse oder Diskriminierungserfahrungen, die den
Lebenslauf entscheidend mitbestimmen und sich auf das gesundheitliche Erleben
auswirken. 2.
Frauengesundheit:
Geschlechtsspezifische Besonderheiten psychischer Erkrankungen von Frauen
Die Häufigkeit psychischer
Erkrankungen und psychosomatischer Störungen nimmt weiterhin zu und stellt eine
erhebliche Belastung für die betroffenen Menschen und ihr soziales Umfeld dar.
In Deutschland erkrankten laut dem Gesundheitsbericht für Deutschland von 1998
ca. 10% der Bevölkerung ein- oder mehrmals im Leben an einer schweren
depressiven Episode, der häufigsten psychischen Erkrankung. Bei Frauen werden
fast doppelt so häufig wie bei Männern psychische und psychosomatische
Erkrankungen diagnostiziert. Diese Verhältnismäßigkeit spiegelt sich zum
Beispiel auch bei den Zahlen der Frühberentungen wegen depressiver Erkrankungen
wieder (1995 insgesamt 18.629 Frühberentungen wegen depressiver Erkrankungen,
davon waren 11.483 Frauen). Die Arbeitsunfähigkeitszeiten wegen psychischer
Erkrankungen liegen bei Frauen ca. 70% über denen der Männer. 75 bis 80% aller
Patienten psychosomatischer Rehabilitationskliniken sind weiblich. Dass bei Frauen vermehrte psychische und psychosomatische Erkrankungen entstehen, hängt unter anderem daran, dass sie häufiger mit Lebenssituationen konfrontiert sind, die sie längerfristig unter- oder überfordern, oder dass sie sich widersprechenden Anforderungen ausgesetzt sehen, denen sie sich aufgrund wahrgenommener begrenzter Handlungsmöglichkeiten nicht gewachsen fühlen. Die Entwicklung einer psychosomatischen Erkrankung ist dann zwar ein kreativer aber inadäquater Lösungsversuch der bestehenden Konfliktsituation. Viele frauentypische Konflikträume erwachsen aus den gängigen gesellschaftlichen Wertungen und Rollenzuschreibungen und den sozioökonomischen Bedingungen unter denen Frauen leben. Ein krankmachender Konfliktraum kann das negativ besetzt Verhältnis vieler Frauen zu ihrem Körper sein. Ursache ist unter anderem die systematische Pathologisierung, Bewertung und Normierung des weiblichen Körpers und seiner Funktionen, die mit dazu beträgt, dass viele Frauen in ihrer Körperwahrnehmung verunsichert sind und kaum lustvolle Freude an der eigenen Körperlichkeit entwickeln können. Ein weiteres Konfliktfeld, das die Frauengesundheit gefährden kann, sind Spannungen und Widersprüchlichkeiten im Bereich beruflicher und familiärer Anforderungen und Wünsche. Bei dem Versuch Familie und Beruf zu vereinbaren, geraten viele Frauen in eine dauerhafte Überforderung, die häufig schwerwiegende gesundheitliche Probleme zur Folge haben. Die Hauptkonfliktfelder, gerade im mittleren Lebensalter von Frauen, sind Beruf und gleichzeitig Familie, Arbeitsalltag und gleichzeitig Mutterschaft. Es sind Wünsche nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit, aber gleichzeitig die Schwierigkeit, dies in die Realität umzusetzen. Auch die Entscheidung für entweder nur Beruf oder nur Familie bedeutet für viele Frauen, sich gegen eine Fähigkeit entscheiden zu müssen. Derartige Konflikte, Ungereimtheiten und Spannungsfelder finden Ausdruck in Symptomen wie Migräne, Verspannungen und Schmerzen der Rückenmuskulatur, dauerhafter Erschöpfung, Müdigkeit, Lustlosigkeit, Ängsten, Depressionen, Schlafstörungen, Medikamentenmissbrauch usw.
Besonders krass und in seiner
Wirkung auf Frauengesundheit ein nicht zu unterschätzender Umstand wird die Überforderung
dann, wenn zum Beispiel die Pflege eines Angehörigen notwendig wird. Diese
Pflegetätigkeit wird zu über 80% von Frauen erbracht, oft auch auf Kosten der
eigenen Gesundheit. Auch die Wechseljahre, die bei vielen Frauen mit großen Ängsten
und negativen Erwartungen und Vorurteilen einhergehen, stellen für viele ein
erhebliches Risiko für ihre seelische und körperliche Gesundheit dar.
Gewalt und sexuelle Ausbeutung gefährden
Frauengesundheit in erheblichem Maße, da sie zu gravierenden körperlichen und
seelischen Erkrankungen führen. Die Opfer von sexueller Gewalt weisen vermehrt
Unterleibsbeschwerden, Ess- und Atemstörungen, Angst- und Panikstörungen,
Selbstbeschädigungen bis hin zu Suizidversuchen, Beziehungs- und
Kommunikationsstörungen auf.
Zusammenfassend ist festzustellen,
dass die Ursachen für psychische und psychosomatische Erkrankungen von Frauen
vielfältig und neben ihrer individuellen Lebensgeschichte stark von
gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen und Wertungen abhängig sind. 3.
Frauengesundheit:
Frauengemäße
Psychosomatik und Psychotherapie in der Wicker-Klinik
Viele der üblichen
psychotherapeutischen und psychoanalytischen Theorien werden der
Lebenswirklichkeit von Frauen nicht gerecht. Sie verstehen in der Regel die
Frauen nicht als eigenständig definiertes Individuum und beziehen deren
gesellschaftliche und soziale Realität nicht mit den daraus erwachsenen
Belastungen ein.
So spiegelt sich beispielsweise in
so genannten gemischten Psychotherapiegruppen häufig die gewohnte soziale
Wirklichkeit wieder. Folglich bildet ein solches therapeutisches Setting die
vorhandene kulturelle Realität nach und ist kein Ort für korrigierende und
positive Neuerfahrungen für Frauen, da hier die üblichen Muster von sozialem
Verhalten wiederholt und tradiert werden. Besonders schambesetzte und
frauenspezifische Themen werden in gemischten Gruppen seltener angesprochen, da
Frauen fürchten mit solchen Themen unverstanden und abgewertet oder aber in die
Rolle der Kränklichkeit abgedrängt zu werden.
Aus dieser Erfahrung heraus haben
wir 1987 erstmals eine Gruppe für Frauen nach erlittener Gewalt, insbesondere
sexueller Traumatisierung in der Kindheit eingerichtet. Es zeigte sich, dass der
Bedarf für ein spezifisches Angebot sehr groß war, so dass diese Indikation
mittlerweile eine Größenordnung von 50 Behandlungsplätzen in der Abteilung
einnimmt.
Die Erfahrung zeigt, dass dieser
Schutzraum, der nicht nur die Gruppentherapie, sondern die zugrunde liegenden
Theorien sowie das institutionelle Setting umfasst, von den Frauen gerne
angenommen und genutzt wird und, dass dieser Therapieansatz selbst bei schweren
Krankheitsbildern effektiv ist.
Aus den Erfahrungen der
Hemmschwellen bei hoch schambesetzten Themen, die die Frauengesundheit
betreffen, wurde in der Wicker-Klinik 1988 eine Frauengruppe „Gynäkologische
Psychosomatik“ eingerichtet, in der Frauen nach Erkrankungen, Operationen,
Verlust von weiblichen Organen sowie Komplikationen in der Schwangerschaft und
unter der Geburt als geschlechtshomogene Gruppe eingerichtet. Die
Behandlungserfolge auch in dieser Gruppe bestätigen das zugrunde liegende
Therapiekonzept.
Als dritte Indikation, die überwiegend
Frauen betrifft, wurde 1996 in der Wicker-Klinik ein Konzept zur Behandlung von
Essstörungen entwickelt, das ebenfalls von frauengemäßen Hintergründen
ausgeht und spezielle verhaltenstherapeutische Angebote einschließt.
Auch im Bereich der allgemeinen
Psychosomatik mit den unterschiedlichen Indikationen gibt es das Angebot des
geschlechtshomogenen Settings. Die Erfahrungen in diesen Therapiegruppen zeigen,
dass sich Frauen in geschlechtshomogenen Indikationsgruppen schneller und
effektiver auf Therapie einlassen können, da weniger Ängste bestehen und die
üblichen gesellschaftlichen und kulturellen Wertungen in den Hintergrund
treten. Dies ermöglicht vielen Frauen erstmals korrigierende Neuerfahrungen,
unabhängig von männlichen Wertbegriffen zu machen.
4.
Frauengesundheit:
Zielgruppen
(F
1) Frauen mit Gewalterfahrungen
(F
2) Frauen mit Erkrankungen und nach Operationen der weiblichen Organe
(F
3) Frauen mit Störungen des Essverhaltens und Essstörungen
5.
Frauengesundheit:
Therapieansatz
Der frauenspezifische
Therapieansatz für die Frauengruppen in der Abteilung Psychosomatik/
Psychotherapie der Wicker-Klinik ist ressourcenorientiert auf Progression hin
ausgerichtet. Persönliche und berufliche Besonderheiten wie etwa der Konflikt
zuwischen Reproduktion und Berufstätigkeit mit Brüchen in der
Lebensgestaltung, mit ökonomischen Schwierigkeiten, mit den Erfahrungen mit dem
Medizinsystem und seiner Sichtweise des weiblichen Körpers fließen ebenso in
die Therapie mit ein, wie der Erfahrungsaustausch mit der eigenen Körperlichkeit
und der Bewusstmachung der Fähigkeit und der Kraft, die dem weiblichen Körper
innewohnen. Es geht also insgesamt um eine weibliche Sicht von Lebenszusammenhängen,
in der neben den krankmachenden Faktoren in der individuellen Geschichte auch
die Situation der Frau im gesamtgesellschaftlichen Rahmen mit allen
existierenden Abhängigkeits- und Machtverhältnissen gesehen wird.
In der Gruppentherapie sowie auch
in der Einzeltherapie geht es insgesamt um eine ich-stärkende und progressive
Haltung sowie um die Stärkung des weiblichen Selbstbildes und weiblichen
Selbstwertgefühls. Zu diesem Therapieverfahren kommt ergänzend die Körper-/
Bewegungstherapie hinzu. Auch hier ist der Ansatz die positive libidinöse
Wiederbesetzung des erkrankten oder beschädigten Körpers und die Stärkung des
weiblichen, bezogenen Selbstverständnisses. Weitere Kreativverfahren wie Mal-,
Werk- und Musiktherapie unterstützen die Frauen, unbewusste seelische Inhalte
durch Umsetzung in Bilder, Gestalt oder Ton bewusst zu machen und Aktivität und
Lebensfreude zu gewinnen. Diese Angebote an Gruppenerfahrungen ermöglichen den
Frauen das Erleben sozialer Unterstützung, das in ihrem Alltag, der sie häufig
durch Überlastung in die Isolation führt, fehlt.
6.
Frauengesundheit:
Institutionelles Setting für die Frauengruppen
Durch das institutionelle Setting
wird angestrebt, Schutz zu gewährleisten, den insbesondere Frauen mit
Erfahrungen von Gewalt und Grenzverletzungen in der stationären Therapie benötigen.
Gleichzeitig soll die Strukturenvielfalt der Klinik als Basis zur Realitätsprüfung
dienen und Stärkung der Abgrenzungsfähigkeit bieten. Die Kommunikation
zwischen den Frauen wird durch das Setting gefördert, um so Wertschätzung von
Frausein und weiblicher Erfahrung zu vermitteln, als ein Baustein zur
Entwicklung einer positiven weiblichen Identität. Autonomie, Entscheidungsfähigkeit,
Selbstverantwortung und kompetenter Umgang mit dem Medizinsystem werden unterstützt.
Zum schützenden Rahmen gehören:
Generell wird der
Erfahrungsaustausch zwischen Frauen unterstützt, es werden auch Aspekte der
Selbsthilfe in Krisensituationen besprochen. 7.
Frauengesundheit:
Therapieziele
Das übergeordnete Ziel der
Therapie ist die Entfaltung von Selbstverantwortung und Selbstbestimmung der
Patientinnen. Auch wegen der zeitlichen Begrenzung der Aufenthaltsdauer wird die
Regression im stationären Setting begrenzt und der Schwerpunkt in der Arbeit
liegt auf der Entfaltung progressiver Momente und Kompetenzen. Es werden
vielseitige Problemlösungskompetenzen, die Frauengesundheit unterstützen
vermittelt sowie die Sensibilisierung für die eigene Kraft, Überlebensfähigkeit
und Lebensfähigkeit durch die therapeutische Arbeit gestärkt.
Körperliche wie seelische
Symptome können im Verlauf der Therapie als Selbstheilungsversuch oder als
Signale verstanden werden, nicht mehr als Krankheitszeichen, die
Angst
machen. Daraus resultiert ein selbstfürsorgliches, selbstbestimmtes, sich
selbst mit Geduld behandelndes Verhalten. Psychosomatische und psychische
Krankheitssymptome sollen reduziert oder ganz aufgehoben werden. Nach Erreichen
sozialer Kompetenzen und Selbstverantwortung werden berufliche Perspektiven geklärt
und möglicherweise berufliche Wieder- bzw. Neuanfänge gefördert. Außerdem
wird Motivationsarbeit für weitergehende Psychotherapie geleistet und ggf.
erste Schritte zur ambulanten Weiterbehandlung im Rahmen des stationären
Aufenthaltes unternommen.
Frauengesundheit ist seit über 16
Jahren ein zentrales Thema in der Abteilung Psychosomatik/ Psychotherapie der
Wicker-Klinik. Das besondere Engagement der Mitarbeiterinnen und die zahlreichen
Anregungen und Ideen der Frauen, die als Patientinnen zu uns kommen, sind eine
wichtige Quelle für die Fortentwicklung der Rahmenbedingungen und
therapeutischen Inhalte unseres Konzeptes einer frauengemäßen Psychosomatik
und Psychotherapie und die wichtigste Grundlage für unsere lebendige frauengemäße
Therapiearbeit. Die Chefärztin der Abteilung, Frau Dr. Gabriele Fröhlich-Gildhoff ist seit 2001 als Expertin Mitglied der Enquete-Kommission „Zukunft einer frauengerechten Gesundheitsversorgung“ in Nordrhein-Westfalen.
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Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unsere Chefärztin im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
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